Vor ziemlich genau einem Jahr begann ich mit dem Laufen. Für einen Teil des praktischen Jahrs wohnte ich zur Zwischenmiete in Kassel und verstand mich mit meiner Mitbewohnerin auf Zeit so gut, dass wir zusammen viel unternahmen. Unter anderem drehten wir regelmäßig zusammen eine kleine Runde durch einen nahe gelgenen Park, bald wurde die Runde größer und führte durch die Karlsaue. Wir hatten eine superschöne Zeit, mussten zwar beide Lernen (ich war noch Studentin und stand kurz vor dem Examen), genossen aber die freie Zeit umso mehr.
Daher bedeutet mir die Zeit in Kassel einfach sehr viel und es war klar, dass der erste Halbmarathon in Kassel sein würde. Letztes Jahr im Mai stand ich auf unserem Balkon und sah die Kenianer durch unsere Starße laufen, die vielen Halbmarathonläufer und später auch die Marathonis und Staffelläufer. Die Stimmung war ansteckend und ich wusste sofort, ich wollte ein Teil davon sein. Ein halbes Jahr später am 31. Dezember wurde es amtlich: ich meldete mich an für meinen ersten Halbmarathon, in Kassel beim E.ON Mitte Marathon. Ich wollte dieses Ziel für das Jahr 2012 unbedingt festhalten – und außerdem stieg die Meldegebühr am 1. Januar.

Bei all der Plaunung hatte ich den Arbeitsbeginn leider unterschätzt, ich dachte ich könne strukturierter und regelmäßiger auf mein Ziel hintrainieren. Andererseits schaffte ich es trotz Knieproblemen und Kälte im Frühjahr am Ball zu bleiben. So wusste ich nach dem 10-Meilen-Lauf in Lich und dem Strongmanrun zumindest, dass ich es irgendwie ins Ziel schaffen würde. Also theoretisch. Schon im letzten Jahr, als ich nur zuschaute, war es am Marathontag brühtend heiß und auch für dieses Jahr waren Hitze und knallender Sonnenschein angesagt. Na toll, was beim Strongmanrun fehlte, kam nun beim Halbmarathon doppelt.
Trotzdem freute ich mich und setzte mir mit “2:05:00 bis 2:10:00 wenn´s gut läufte” eine halbwegs realistische Zielzeit. Da am letzten Sonntag schon um 8:30 Uhr der Startschuss fiel, kam ich am Tag zuvor wieder in meiner alten WG unter. Die Freundin, in deren Zimmer ich wohnte empfing mich mit Lasagne als Carboload, meine Zwischenmiet-Mitbewohnerin war über das Wochenende verreist und überließ mir ihr Zimmer. Es ist jedes Mal ein Gefühl des “nach Hause kommens”, ich fühle mich dort immer auf Anhieb wohl.
Den Samstag verbrachte ich fast komplett in der Stadt: ich fuhr zum Auestadion, um meine Startnummer zu holen und über die Marathonmesse zu schlendern. Es war schon die Hölle los, riesen Menschenmenge und zu meiner Verwunderung hatten total viele Damen und Herren (aber v.a. Damen) ihre Nordic Walking Stöcke dabei. Der Sinn hat sich mir nicht ganz erschlossen, konnte man die da am Vortag einschließen? Oder war es als Abgrenzung zu den richtigen Läufern gedacht? Jedenfalls supernervig, ständig im Gedränge diese Stöcker zwischen den Füßen zu haben. -.- Ich bin ja schließlcih auch in Jeans, Chucks und Shirt hingegangen, anstatt schon die Laufschuhe, CEPs und am besten noch gleich das Finishershirt zu tragen! Das gab es nämlich mit den Startunterlagen dazu, aber ich trug es natürlich nicht schon vorher oder beim Lauf.
Auf der Marathonmesse fand ich nichts besonderes, ich wollte pinke Fixpoints, aber die sind wohl ausverkauft und werden auch nicht mehr nachproduziert (habt ihr irgendwo noch pinke gesehen, in einem Laufshop o.ä.? Bitte bescheid geben, ich hätte sie so gern!). Ich testete die neuen Lightweighttrainer von Newton, außer der knalligen Farbe überzeugten sie mich aber nicht wirklich: diese Erhöhungen im Vorfußbereich sollen eine gewisse Instabilität bieten, die wie bei z.B. den Reebok Easytones Trainingseffkt haben soll. Ich knicke mit sowas schlicht und ergreifend um. also nichts für mich. Die Brooksauswahl war übersichtlich, außer dem schwarzen PureFlow und dem grauen Grit gab es keine Modelle aus der Pure Serie, sonst die üblichen Modelle wie Glycerin nd Adrenalin. Auch bei Saucony hätte ich mir mehr Auswahl erhofft, auf seine Kosten kam nur der Asicsjünger.
Nach einer kleinen Orientierungsrunde, damit es am großen Tag schneller geht, machte ich mich wieder auf den Weg in Richtung Königsplatz,
um dort noch ein bisschen bummeln zu gehen. Für die Wohnung wurde ich doch noch fümdig, WMF hatte Ausverkauf.
Wieder in der WG machte ich mich an die Vorbereitung, denn ich musste schon um 7 aus dem Haus, um noch einen sicheren Platz im Bus zu bekommen, allzu knapp wollte ich nicht ankommen und kurz vor dem Start wurden diverse Linien eben auch gesperrt bzw. umgeleitet. Also brachte ich schon einmal die Startnummer an, schnürte den EasyChip (keine Ahnung warum die keinen ChampionsChip verwenden) per Marathonschnürung (haben Carmen und Jasmin mir beim SMR gezeigt) an die Ravenna 3 und packte meinen Kleiderbeutel. der Forerunner 610 wurde noch aufgeladen und alles für den großen Tag bereitgelegt.
Da man mir von Gels abriet, wenn ich diese nicht im Training getestet hatte, wollte ich wie empfohlen um 6 leicht frühstücken und dann 45 Minuten vor Start einen Riegel essen.Danach ging es aufs Sofa, entspannen und ein bisschen lesen. Die ganze Anfahrt und der Stadtbummel schlauchten, ich schlief recht früh ein und war so einigermaßen ausgeschlafen, als der Wecker um 6 Uhr klingelte.
Für meine Verhältnisse erstaunlich gut vorbereitet, aß ich erst, schlüpfte in mein Outfit und machte mich im Bad zurecht. Ich entschied mich gegen eine Mütze und für zusammengebundene Haare, das erschien mir doch irgendwie luftiger. Sonst immer zu warm angezogen, wollte ich diesmal nichts falsch machen: Ich lief im Versatile EZ Racer Back in tropic von Brooks und der passenden Epiphany Strech Short II in schwarz/tropic – beides aus dem Testpaket. Dazu die schwarzen CEPs und den Ravenna 3, den Flow wollte ich dann doch nicht gleich bei den ersten 21,1km Asphalt ausprobieren.Superwichtig auch: Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 30 – sorgte zwar nicht gerade für Abkühlung, aber zumindest kam ich im Gegensatz zu anderen Läufern ohne Verbrennungen davon.
Schon auf dem Weg zum Auestadion war klar, dass ich mich richtig entschieden hatte. Die Fleecejacke und warme Jogginghose hätte ich mir auch sparen können, es herrschten bereits 15°C – und das um 7 Uhr, 90 Minuten vor dem Start. Im Bus saßen fast nur Läufer, die meisten mit der gelben Startnummer für den HM. Ich verdrückte meinen PowerBar Cookies Riegel (sehr lecker für einen Riegel übrigens) und zog gleich am Stadion meine warmen Sachen aus. Die Kleiderbeutelabgabe klappte wie am Schnürchen, alles ziemlich gut durchgeplant. Mangels geeingter Einsteckmöglichkeit lief ich ohne Ipod (mein Shuffle hat leider den Geist aufgegeben und ich habe nur noch meinen Nano), beim Wettkampf gibt es ja schließlich Publikum, wer braucht da Musik???
So stand ich sehr zeitig am Start und stellte mich einfach mal kurz vor den Baum, der den 2. Startblock mit “erwartete Zielzeit 2:00 bis 2:15″ anzeigte. Das war dann recht weit vorne, sorgte aber dafür, dass ich beim Startschuss kaum Leute überholen musste. Ich lief im Feld mit und nach 3km war ich genau wie alle anderen um mich herum schon durchgeschwitzt. Es gab kaum Schatten und die Sonne lachte nur so vom Himmel, als würde sie sich lustig mache über uns Idioten, die bei solchem Wetter einen Wettkampf liefen. Das war auch ungefähr der Zeitpunkt, an dem ich mich gedanklich von den 2:10 verabschiedete. Den ersten Getränkestand gab es bei Kilometer 4 oder 5, jedenfalls ab da alle 2km – das war wirklich top organisiert! Vielen Dank an die lieben Helferlies, die unermütlich Wasser und Iso reichten, danke auch an die Feuerwehr, die diverse “Duschen” auf der Strecke anbot. Ich nahm davon einfach alles mit, schüttete mir mehr Wasser über den Kopf als ich trank und sah dementsprechend schon nach den ersten 10km völlig fertig aus.
Das Publikum in Kassel war einfach großartig, in jedem Stadtteil wurden wir begrüßt und angefeuert, einige Privatleute stellte
n extra Wasserwannen auf. Ironchrissi hatte mir ja noch gesagt, man laufe die ersten paar km immer zu schnell, weil das Feld einen mitzieht, aber ich war auch bei Kilometer 6 unf 7 noch mit 5:50 bis 5:45/min unterwegs. Immer wieder dachte ich mir “du musst langsamer laufen, das hälst du nie bis zum Ende durch”. Der Puls blieb aber auf dem Niveau und langsamer laufen erschien mir irgendwie als anstrengender. Die Rechnung kam bei Kilometer 12 – 14: es ging bergauf und ich brach ein. Zum Glück war gerade hier unheimlich viel Publikum auf den Straßen, besonders “meine alten Viertel” Vorderer Westen und Wilhelmshöhe spornten mich an – denn ich wusste wieder wo ich war und dass es ab unserem Haus nur noch knapp 4km bis ins Stadion waren. Ich zog wieder an, zum Teil auf 5.50/min zurück, feuerte sogar andere Läufer an, die ich überholte. “Komm, nur noch 2km, das packen wir locker!”
Auf den letzten Metern wurde es noch einmal richtig fies, die Sonne knallte horizontal vom Himmel und wäre da kein Schild gewesen mit der Aufschrift “580m bis zum Ziel” hätte ich sicher eine Gehpause eingelegt. Ein Blick auf den Forerunner 610 verriet sofort – ich könnte die 2:10 noch packen! Also los, Endspurt…
Genießen konnte ich die Abschlussrunde durch das Auestadion beim Zieleinlauf nicht wirklich, ich hatte einfach nur Durst und wollte in den Schatten. Trotzdem gab ich ein letztes Mal alles, wohlwissend dass da ja Sanis und Ärzte im Ziel sein müssten. Die brauchte ich dann doch nicht, sackte aber kurz hinterm Ziel auf dem Gras zusammen und konnte ersteinmal gar nichts mehr. Es dauerte vielleicht 30Sekunden, bis ich beim Forerunner auf Stopp drückte – er zeigte irgendwas mit 2:08:xx an. Ich hatte es tatsächlich geschafft. Und die Nettozeit würde noch etwadrunter liegen. Ein anderer Läufer neben mir,
drückte mir den Rest seines Isogetränks in die Hand. Ich trank es in einem Zug aus, bedankte mich, grinste nur noch.
Irgendwann konnte ich aufstehen und mir weitere Getränke und Äpfel holen. Aber vorher natürlich meine Finishermedaille.
Jana schaute für mich gleich die Nettozeit nach: 2:07:32 – ich war überglücklich und total zufrieden! Mir tat auch nichts weh, ich war recht fit und langsam auch wieder rehydriert. Klatschnass wie ich war, ging es dann nurnoch in die WG, duschen, essen und dann vor die Haustür, um die Marathonläufer anzufeuern. Die hatten es schließlich noch härter erwischt, die Mittagshitze nahm immer mehr zu. Vielen Dank an alle vom Twitterlauftreff, die mir mit Rat und Tat zur Seite standen, danke an die Stadt Kassel und das tolle Organisationsteam und vor allem danke an Garmin und Brooks für das großartige Equipment!